Reisetipps für Bayern, Schwaben, Tirol, das Trentino und die Adria

24. August 2015

Mainfranken, mein Franken: Reif für die Weininsel!

Man nehme: eine kleine Auszeit, eine überschaubar kurze Anreise und einen tiefen Schluck aus einem eleganten Weinglas. Und schon breitet es sich unerwartet unwiderstehlich vor einem aus – das mainfränkische Urlaubsgefühl. Willkommen zu einer kleinen kulinarischen Entdeckungsreise durch den weinseligen Nordwesten Bayerns.

Nein, ein Kostverächter war er nicht, der Herr Geheimrat. Johann Wolfgang von Goethe liebt den Wein, vor allem den fränkischen. Auf den „vorzüglichen, guten Steinwein“ – also einen Franken aus der Lage „Würzburger Stein“ – ließ er nichts kommen. Ganz und gar „verdrießlich“ sei er, wenn ihm sein „gewohnter Lieblingswein abgeht“, schrieb der Dicherfürst anno 1806. Dass er dennoch nie länger Mangel leiden musste – dafür wussten geschäftstüchtige Weinhändler zu sorgen, die ihn regelmäßig mit einem großen Kontingent an Flaschen versorgten.

Was zu Goethes Zeiten einem eher noch ausgesuchten Kundenkreis vorbehalten war, hat sich bis heute längst weit herumgesprochen. Auch in Fachkreisen genießt die Kunst der mainfränkischen Kellermeister hohes Ansehen, regelmäßig räumen beispielsweise Silvaner-Weine von der Volkacher Mainschleife erste Preise bei großen Weinwettbewerben ab. Erfolgsverwöhnt sind auch die drei traditionsreichsten Weingüter Frankens: Juliusspital, Bürgerspital und Staatlicher Hofkeller – allesamt ansässig in Würzburg.

Das Symbol des Frankenweins ist der Boxbeutel. In Anspielung auf die eigentümliche Form der Plattflasche die Bezeichnung angeblich an den Hodensack eines Ziegenbocks erinnern. Verbürgert ist, dass Wein aus Franken seit 250 Jahren in Boxbeutel abgefüllt wird. Wer nun denkt, Frankenwein sei ein x-beliebiges Massenprodukt, der irrt. Im Boxbeutel abgefüllt werden heutzutage ausschließlich Qualitäts- und Kabinettweine. Genuss, wie er beispielsweise in der Divino Wein-Erlebnis-Welt in Nordheim und Thüngersheim kultiviert wird. In der neuen Vinoteria wird der Rebensaft mit regionalen Köstlichkeiten kredenzt – und für den 5. September wirbt der Winzerort Nordheim sogar mit dem Divino Genießer-Markt.

Anders als es sein Name vermuten ließe, richtet sich Nordheim ganz nach Süden aus. Italienische Wochen, Hofschoppenfest, Sommerfest – die Nordheimer zeigen, was sie lieben. Und sie lieben, was sie haben: ein idyllisches Fleckchen Erde, umschlossen vom Mainbogen und einem Kanal, der die Strecke zwischen Volkach und Gerlachshausen verkürzt. So liegt der Ort – so wie auch Sommerach – auf einer Weininsel, und auf der laden viele Winzer gerade am Wochenende zu einer Probe ihrer Kellerschätze ein. Auch die Weingärten selbst sind frei zugänglich und per Wanderwegenetz übersichtlich ausgeschildert. Längs der Wege gibt es einiges zu sehen: alte Bildstöcke, schmucke Kapellen und die Burg Hallburg (auf 230 Meter) mit Weinrestaurant und Romantikgarten laden zu kleinen Abstechern ein.

Auch im 20 Kilometer nahen Würzburg regiert in diesen Wochen der Wein: Vom 27. August bis zum 6. September lockt die „Weinparade“ am Marktplatz mit täglichem Mittagstisch. Die berühmte fränkische Bratwurst darf da natürlich nicht fehlen. Mehr noch als der Spargel mit Salzkartoffeln und Butter, das Schäufele mit Kloß und Soß, der Aischgründer Karpfen oder auch der Schweinebraten mit Sauerkraut steht sie als Inbegriff für die Freuden der fränkischen Küche. Mal grober, mal feiner kommt die Bratwurst gebrüht auf die Pfanne oder roh auf den Grillrost. Doch die vornehmste aller Zubereitungsarten sind die Blauen Zipfel.

Ihr Name rührt vom sauren Sud, der die Bratwurst zwar nicht so blau macht wie die Forelle, ihr aber immerhin einen Hauch blaublütiger Noblesse verleiht. Kein Wirt, der sich der fränischen Küche rühmt, um die Blauen Zipfel herum, die sich als Gaumenschmaus zu jeder Tageszeit anbieten – als kleine Vorspeise, als Zwischengericht oder als Auftakt zu einem opulenten Mahl. Was es mit dem Sud auf sicht hat? Hergestellt wird er aus Wasser und weißem Essig, gewürzt mit Lorbeerblatt, Wacholderbeeren und Senfkörnern, kräftig abgeschmeckt mit Salz und Zucker, abgelöscht mit mindestens einem Schoppen Frankenwein. Im Sud werden reichlich Zwiebeln gegart. Dann lässt man die Zipfel, die etwas kleiner sind als übliche Bratwürste, bei milder Hitze zehn Minuten ziehen. Ein kerniges Bauerbrot und ein Silvaner sind die idealen Begleiter dieser Frankenkulinarie.

Noch ein Einkehr- und Übernachtungstipp für Spätsommer und Herbst: Im Gasthof zum Weißen Lamm in Sommerach – im südlichen Abschnitt der Weininsel gelegen – steht in diesen Wochen ein „großer Göger „, also „Hähnchen“ auf dem Speiseplan, „frisch zubereitet vom fränkischen Bauern und serviert mit feinen Beilagen nach Wahl“. Ein Sommerfest-Essen, das sich völlig zurecht auch als Sommer-Festessen lesen ließe und zu dem natürlich Wein au eienem Anbau kredenzt wird. Achja der Wein: Weil einer der hauseigenen Weinberge nicht an die Tröpfchenbewässerung angeschlossen ist, musste er in diesem außergewöhnlich trockenen Sommer recht aufwendig mit mobilen Wassertanks und handgezogenen Schläuchen bewässert werden. Jeder Tag zählt, schon zwischen Mitte und Ende September könnte diesmal Lese sein. Schauen Sie sich da Spektakel doch mal aus nächster Nähe mit an – aus der Tisch- oder aus der Winzerperspektive. Das Lamm hat auch ansprechende Zimmer zu bieten. Einplanen: Dienstags hält die Gastwirtschaft ihren Ruhetag.

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