Reisetipps für den Urlaub in Bayern oder ein paar freie Tage zu zweit

27. August 2012

Waldkirchen und der Flirt der „ewigen Hochzeiter“

Der ewige Hochzeiter

Geschichtliche Stadtführungen gehören vielerorts zum touristischen Pflichtprogramm. Was man da nicht alles zu sehen und zu hören bekommt! Heidelberg, zum Beispiel, lässt seine Nachtwächter über „schändliche Mörder, liederliche Studenten und fürchterliche Scheusale“ berichten. In Nürnberg schlüpft eine Schauspielerin in der Rolle der Agnes Dürer und führt ihre Besucher, gewandet im Stil der Zeit, durch die Gemächer „ihres“ Künstlergatten. Und selbst das kleine Murrhardt im Schwäbischen Wald tischt seinen Gästen bei Fackelschein allerhand Geschichtsseliges auf. „Warum also“, dachte man sich im Bayerwald-Städtchen Waldkirchen, „eine historische Führung nicht auch bei uns?“ Zumal es im 10.500-Einwohner-Ort auf überschaubar kurzer Strecke doch einiges zu erzählen gibt. Ein Job wie geschaffen für Richard Schiffler …

Schon von Berufs wegen kann Waldkirchens Cicero aus dem Vollen schöpfen. Schiffler ist städtischer Archivar, historische Schätze zu bergen und zu pflegen Teil seiner Arbeit. Eine Profession, der er mit Passion nachgeht. So hat Schiffler im Erfurter Sutton Verlag inzwischen zwei Bücher veröffentlicht, in denen er die Vergangenheit seiner Heimatstadt dokumentiert. Auf sein erstes, inzwischen vergriffenes Buch („Waldkirchen“) hat er ein zweites  folgen lassen, dem er den Untertitel „Alte Bilder erzählen“ gab: Auf 96 Seiten versammelt es 160 Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Nachlass des Fotografen Hans Bauer.

So zum Beispiel auch über die sogenannten „Waldkirchner Radabweiser“. Die steinernen Abstandshalter, teils mächtige Blöcke, waren sozusagen die ersten Verkehrsschutzmaßnahmen. Sie sorgten dafür, dass Gebäudeecken im Zeitalter der ungestümen Fuhrwerke mit heilem Putz davonkamen. Verschätzte sich ein Pferde- oder Ochsengespann nämlich beim Abbiegen, blieb es schon mal am Hauseck hängen – was die Besitzer des Anwesens teuer zu stehen kam. So setzten sie sich mit den Radabweisern präventiv gegen die Verkehrsrowdys zur Wehr. Mit hartem Granit, der als Eigentumssicherung und verkehrserzieherische Maßnahme in einem diente.

In der Biedermeier-Epoche des 19-Jahrhunderts wurde am Eck Jandelsbrunner Straße / Marktplatz erstmals ein Radabweiser aufgestellt. Offenbar wollte der Auftraggeber aber die Öffentlichkeit nicht verschrecken – und so ließ er seinen Auftrag als schalkhaftes Kunstwerk ausführen. Ein Steinmetz namens Matthias Hausbäck machte sich ans Werk und arbeitete aus dem harten Granit die Figur eines „Hochzeiters“ heraus. Ganz offensichtlich ein augenzwinkernder Fingerzeig auf einen „ewigen Junggesellen“, der endlich auch „unter die Haube“ gebracht werden sollte.

Über ein Jahrhundert fristete der „Hochzeiter“ in seinem bunten Biedermeier-Wams ein freudloses Dasein; dann mehrten sich die Stimmen, die ein Einsehen mit dem einsamen Freier hatten. Ein Radabweiser in Form einer Braut musste her! 1972, im Jahr der Stadterhebung Waldkirchens war es so weit: Der Waldkirchener Künstler Manfred Werner erhielt den Auftrag, dem Granit eine weibliche Figur abzutrotzen. Gleich vis-à-vis vom „Stoanernen Hans“ – am Eck des Modehauses Garhammer – macht sie seither als „Stoanaerne Gretl“ ihrem Hans schöne Augen.

Bei den beiden „Ewigen Hochzeitern“ ist es aber durchaus nicht geblieben. Denn die Waldkirchener kamen auf den Geschmack: Eine ganze Reihe von Hausbesitzern erklärten sich bereit, auch ihr „Hauseck“ mit Figuren zu dekorieren, die Persönlichkeiten der Waldkirchener Geschichte verkörpern; so etwa den Herrn Marktrichter (am Unteren Marktplatz), den Gastwirt (Gasthaus Lamperstorfer), der Chirurg (Apotheke am Marktplatz), der Säumer (Stadtcafé) und der Torwächter.

Hin und wieder kommen Waldkirchens städtische Granitfiguren zu abendlicher Stunde auch ganz groß heraus. Dann bringen mehrere Sprecher eine Geschichte zu Gehör, die Kreisheimatpfleger Rupert Berndl verfasst hat. Dazu werden die Radabweiser überlebensgroß an Häuserwände projiziert und zugleich stimmungsvoll illumiert.

Unser Übernachtungstipp für Ihren Waldkirchen-Urlaub zu zweit: das 3-Sterne- Superior „Hotel Vier Jahreszeiten“ in der Hauzenberger Straße. Herausragend: die Außenpools vor traumhafter Mittelgebirgskulisse.

Quellen: waldkirchen.de, wikipedia

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